Freitag, 20. Februar 2015

Diese Erzählung, niedergeschrieben durch gutes Zuhören, bewegt mich tief. Namen wurden
verändert.


Ich selbst bin ein deutsches Flüchtlingskind von 1961, ein Kind der damals bevorstehenden
Mauer. Ein Teenager voller sprudelnder Ideen.
Plötzlich schien alles verloren, schwer voll dazu zu gehören. Fremd in Deutschland. Ich verstand
die Sprache und trotzdem fühlte ich mich fern. So als wäre ich von einem anderen Stern, aus
einer anderen Welt. War es nur der Dialekt, der so hart trennte?
Ich weiß genau, wie weh das tut, Flüchtling zu sein. Damals war ich 15 Jahre alt. Ich war
Deutsche und zog von Ost nach West, schon das war schwierig.

Es ist nun schin einige Zeit her, als mir Ulima begegnete. Sie ist ein Vorbild. Ihr gelang die Integration. Doch leicht war es sicher nicht. 

Ulima, die Weise


Empfindungen eines klugen Flüchtlingsmädchen aus dem Kurdenland, aus Syrien.
Ulima, die Weise, hat man sie benannt. Damals bei der Flucht , war sie noch nicht einmal 10
Jahre alt. Sie ist die Jüngste von vier Kindern.
Vor vier Jahren mussten ihre Eltern, aus Glaubensgründen, die Heimat verlassen. Nur sie
konnte mit. Die Brüder waren beim Militär eingezogen. Damit war eine Flucht für diese jungen
Menschen völlig unmöglich geworden. Wer weiß, ob sie sich je wiedersehen dürfen?
Große Verzweiflung, Ratlosigkeit. Der Entschluss zur Flucht war beschlossene Sache.
Entschlossen reisten sie über verworrene Wege, verbunden mit reichlich Angst, schließlich in
Deutschland ein. Lageraufenthalte, medizinische Untersuchungen, schwierige Befragungen
folgten.
Sie hatten viel Glück. Sie durften bleiben. Ein völlig neues Leben begann. Zuerst ein stummes
Leben, fast ohne Worte. Die, die sonst eine eingeschweißte Familienkultur pflegten, sie waren
allein. Sie verstanden fast nichts. So versuchten man sich mit der englischen Sprache zu
verständigen. Zum Glück hatten sie eine Schulbildung genießen dürfen. Das ist dort auch nicht
immer so.
Nun hieß es lernen, sich anpassen, Arbeit suchen. Eine unbekannte Welt öffnete sich sehr
langsam. Mit der Zeit begannen sie sich zu integrieren, weil sie es wollten. Die Gemeinde stellte
eine Wohnung, man sorgte für das Nötigste. Ulima besuchte eine Hauptschule und kämpfte sich
mit viel Fleiß und Willen durch.
Diese kleine Familie lebte nun in einem kleinem Dorf sehr vereinsamt. Dort schloss sie
inzwischen einzelne wenige Freundschaften.
Hier beginnt eine spezielle Geschichte:
Tim, Tom und Ulima spielten in ihrem Heimatdorf oft auf der Straße, dort vorm Haus.
Während Tim und Tom, mit Spielzeugpistolen bewaffnet, sich bedrohten, starrte Ulima traurig in
ihr Smartphone. Sie schien sichtlich erschüttert zu sein. Was war passiert? Tränen kullerten aus
ihren schwarzen Augen. Was ist geschehen, dass sie so traurig wurde?
Es gab seit langer Zeit keinen Kontakt mehr in ihre Heimat. Das betrübte sie, das ist schier
unerträglich.
Ulima lebte hier noch recht abgeschieden. Vertraute Menschen fehlten ihr. Vieles war noch
immer fremd. Ein völlig anderes Leben, eine andere Kultur. Aber sie durfte hier in Frieden
leben, eine Schule besuchen, lernen. Das war in ihrer Heimat nicht mehr möglich.
Nachdenklich, mit nassen Augen, betrachtete Ulima ihre neuen Freunde. Die bekämpften sich,
spielten kleinen Krieg. Sie schlugen sich und rangen am Boden. Es waren bereits Schürfwunden
im Gesicht, an Arm und Beinen zu erkennen.
Schnell zückten sie ihre Pistolen, richteten sie gegenseitig auf ihr Gegenüber. Lautes Geschrei.
Sie gerieten regelrecht in Rage.
„Hände hoch, ich werde Dich erschießen“, schrie Tom.
Tim schrie zurück: „Ich werde Dich zuerst töten.“
Sie steigerten sich regelrecht, gingen sich härter an, verletzten sich immer mehr. Blut rann aus
Tims Nase.
Scheinbar waren sie nur noch im Kampf. Das Rundum, die Wirklichkeit schien weit weg.
Ulima merkte schnell, hier wurde aus kindlicher Spielerei harte Realität. Das war längst kein
Spiel mehr. Das war echte Realität. Die Jungs verloren die Kontrolle im Miteinander.
Ulima erkannte den Ernst der Lage. Mutig ging sie dazwischen. Sie wollte sich das nicht weiter
mit ansehen. Laut schrie sie zu Tom und Tim:
„Stopp, aufhören! Stopp! Wollt Ihr euch umbringen?“ In ihrer Ekstase bemerkten sie die
Hilfeschreie Ulimas nicht.
Sie schnappte sich einen herumliegenden Ball und warf ihn hart zwischen die raufenden Köpfe.
Das zeigte Wirkung. Langsam beruhigten sie sich. Endlich kehrte etwas Ruhe zwischen den
beiden Hitzköpfen ein.
„Was geht in euren Köpfen vor?“ Die Antwort: „Wir spielen Krieg.“
Nun bemerkten die Jungs, dass ihre neue Freundin weinte. „Was ist los mit Dir?“
Bereitwillig erzählte sie vom Krieg in ihrem Land. Sie bangte um das Leben der
Daheimgebliebenen. Die Sorgen um ihre Lieben belasteten schwer. Ulima ist Kurdin, ihre Eltern
kamen vor wenigen Jahren aus Syrien nach Deutschland. Mit Nichts. Ohne Geld, ohne jeglichen
persönlichen Gegenstand, ohne Freunde und Familie, ohne Kenntnisse unserer Sprache. Arm
waren sie und nicht unbedingt erwünscht in unserer Gesellschaft. Sie zogen von einem
Übergangswohnheim zum anderen. Endlich eine Wohnung, der Beginn eines neuen Lebens?
Alles schwieriger als gedacht. Das Zuhause ist fern. Doch das Ziel, eine eigene Wohnung war
endlich Wirklichkeit geworden. Doch die Missgunst gegen diese Fremden war alltäglich.
Die Anwohner überprüften neugierig genau ihr Tun. Das wirkt belastend, auch ein Stück
entwürdigend.
Aber sie bewiesen es den Zweiflern. Ankommen, angenommen sein, das war ein großer Wunsch.
Dafür wollten sie sich anpassen, dazu gehören, Neues hinzu lernen. Sie erreichten das Ziel, weil
sie fest an sich glaubten.
Heute leben sie zwischen uns ein integriertes Leben. Beide Elternteile haben Arbeit gefunden,
sprechen unsere Sprache und freuen sich über die wundervollen Fortschritte ihrer Tochter.
Die stolzen Eltern schenkten ihr einst den Namen „Ulima“. Das bedeutet die Weise. --- Und
schlau ist sie. Ulima ist ein Vorbild in der Schule und nicht nur dort. Auch im Dorf und im
Freundeskreis ist sie inzwischen sehr beliebt in ihrer neuen Heimat, in ihrem Dorf.
Ulima sprach mit den Jungs über den Krieg. Sie bat sie, sich nun die Hand zu reichen und
zukünftig nicht mehr Krieg zu spielen.
„Warum spielt ihr denn immer Krieg? Warum tut ihr das?“
Spielt doch etwas Schönes: „Was denn? Krieg ist spannend?“ --- „Spielt Frieden!“
Die Kinder sahen sich fragend an: „Wie spielt man denn Frieden?“
Ulima schüttelte ratlos den Kopf: „Warum ist Krieg spannend? Da wird gemordet, Menschen
sind verzweifelt, hungern, Kinder verlieren ihre Eltern, ihre Heimat und viele weitere Dinge. Ich
habe das erlebt.“
Kommt wir machen einen Plan für ein Friedensspiel. Wir denken uns was aus, was Kindern in
diesen Kampfgebieten helfen kann. Jetzt ist alles noch ein Spiel. Doch wenn wir groß sind, dann
werden wir wirklich helfen.
Ulima ist inzwischen fast erwachsen und ein Vorbild. Frieden macht Spaß. Frieden ist das Beste.
Doch dazu muss es noch viele Menschen wie Ulima geben, die zeigen, wie es besser geht.
© Copyright Sonja Kaboth im Oktober 2014

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